Sonntag, 26. Juli 2015

Nicht aufgeben



Die Autorin Nina George kenne ich schon lange aus ihren Kolumnen im Hamburger Abendblatt. Ich habe mir sogar zwei ihrer Bücher gekauft,  eines davon war „Das Lavendelzimmer“, ein romantischer Roman über einen französischen Buchhändler, genau richtig für den Urlaub.
Nun lese ich, dass es dieses Buch auf die Bestellerliste der New York Times geschafft hat. Da kann man nur gratulieren, denn das passiert deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern äußerst selten. Grund genug für Stolz und Selbstdarstellung. Tatsächlich aber führt Nina George auf ihrer Website auch einen Punkt „Ungelungenes“ auf. Darin steht in schöner Offenheit: „George weigerte sich, die 13. Klasse zu vollenden, scheiterte elfmal bei den Aufnahmeprüfungen staatlicher Schauspielschulen, wurde zweimal bei der Henri-Nannen-Schule abgelehnt, hat fünf Romane nicht verkauft bekommen, und denkt seit vier Jahren auf einer Idee für eine Fantasy-Reihe herum.“
Wie hoffnungsvoll und tröstlich, dass trotz wiederholtem Scheitern eines Tages der Erfolg kommen kann, manchmal sogar in ungeahnter Größe. Eine Bedingung dafür ist: Tun, was man liebt und niemals aufgeben.  

Sonntag, 19. Juli 2015

Memento Mori

Sommer, meistens Sonne, Leichtigkeit. Dazu hätte ich nun gerne etwas Nettes geschrieben. Tatsächlich drängt sich aber etwas anderes vor:
Ein Politiker, schon in jungen Jahren sehr erfolgreich, verheiratet, Vater von zwei kleinen Töchtern, ist plötzlich im Alter  von 35 Jahren gestorben, An einer Lungenembolie.
Wir vergessen, dass es für niemand von uns die Garantie gibt, dass wir ein hohes Alter erreichen. Wer aufmerksam die Zeitung liest, findet dafür fast jeden Tag im Lokalteil oder auch weltweit einen Beweis. Da wird ein Radfahrer von einem abbiegenden Auto übersehen, ein Amokläufer erschießt unbeteiligte Passanten, ein psychisch kranker Pilot reißt Menschen mit in den Tod.
Das soll nicht dazu führen, dass wir übervorsichtig werden, damit uns nichts passiert oder dass wir hypochondrisch auf jedes Zipperlein reagieren. Aber  es kann uns helfen, unsere Zeit als kostbar wahrzunehmen. Will ich mich wirklich so über die laute Nachbarschaft aufregen, dass mir der Tag verdorben ist? Will ich mir mit Neid auf die günstigeren Bedingungen anderer die Sicht auf meine eigenen Möglichkeiten versperren? Und - besonders wichtig - will ich mich mit denen, die ich doch eigentlich liebe, über Kleinigkeiten streiten, anstatt großzügig zu sein?
Ich habe mir wieder einmal vorgenommen, jeden Tag als ein Geschenk zu sehen. Vielleicht ist es ja der  letzte - und den möchte ich mir nun wirklich nicht verderben.

Sonntag, 12. Juli 2015

Enge des Herzens

1995 bekam Christiane Nüsslein-Volhard den Nobelpreis für ihre Forschung zur genetischen Steuerung der Embyonalentwicklung. Jetzt erzählt sie in einem Interview im Spiegel unter anderem , wie man im Kollegenkreis darauf reagiert hat:
Nachdem sie vom Nobelpreis-Komitee benachrichtigt worden war, rief Nüsslein-Vollhard den Direktor ihres Instituts an  und informierte ihn: "Ich werde den Nobelpreis bekommen, ich glaube, wir sollten eine Feier organisieren." Er sagte: "Kannst du dich bitte um den Sekt und all das kümmern? Ich habe gerade keine Zeit."
Was für eine Enge des Herzens.
Ich kann durchaus verstehen, dass man neidisch ist. Schließlich ist Neid ein Gefühl, das einen plötzlich überfällt. Aber dann haben wir die Wahl, wie wir damit umgehen. Wenn wir unser Herz sprechen lassen, wird die Mit-Freude für den anderen überwiegen. Und wenn wir es nicht mit dem Herzen schaffen, dann doch wenigstens mit dem Kopf: Da erhält  jemand, was er sich mit großem  Engagement verdient hat.
Wer sich nicht bemüht, zumindest in seinem Verhalten gegen den Neid anzugehen, verletzt sein Gegenüber - aber vor allem sich selbst.

   

Donnerstag, 9. Juli 2015

Gewinn

Cordt Schnibben, Redakteur beim Spiegel,  erhielt zu seinem Dienst-Jubiläum eine Geldprämie. Anstatt sich nun selbst etwas Nettes zu gönnen, hatte er einen großzügigen Einfall: Er wollte 100 Spiegel-LeserInnen zu einem Essen in die Kantine des Hauses einladen. Voraussetzung war, dass man ihm eine wie auch immer geartete Kritik zu dem Blatt schrieb. Für mich als Abonnentin war das ein Anlass, mich endlich einmal lobend über die interessanten Artikel zu äußern.
In einem der nächsten Hefte las ich dann, dass sich etwa 2000 LeserInnen gemeldet hatten.
Nun, das war es dann wohl. Schließlich hatte ich auch noch nie bei einem Preisauschreiben gewonnen.
Umso mehr freute ich mich, als ich plötzlich eine Mail bekam: Ich war dabei!

Es wurde ein interessanter Nachmittag. Der Chefredakteur gab sich die Ehre, unsere Fragen zu beantworten. Der Archivar erzählte mit leidenschaftlichem Funkeln in den Augen, wie das Spiegel-Archiv aufgebaut worden ist.  Und anschließend warf sich der Kantinen-Koch, der ehemals in einem Sterne-Restaurant tätig gewesen war, für das Abendessen ins Zeug. Wir speisten an einem lauen Sommerabend draußen an kleinen Tischen und unterhielten uns bestens.
Was für eine tolle Idee, mal nicht nur an sich zu denken, sondern auch anderen eine Freude zu machen. Und für die Redaktion war es ebenso ein Gewinn, denn so lernte sie ihre Leser und Leserinnen live kennen und erfuhr, was sie sich wünschten und was sie bewegt.

Großzügigkeit bleibt nie ohne Resonanz.